
Juliane
zögerte, obwohl sie sich eingestehen mußte,
daß da schon etwas wahres dran war. Sie nahm das
Glas entgegen und nippte ein wenig. "Nicht so zaghaft.
Runter damit", forderte die Frau, hielt zwei Finger
unter das Glas und hob es an. Schluck für Schluck
rann der Whiskey Julianes Kehle hinunter. Da mußte
sie plötzlich absetzen und mächtig husten.
Die Frau schlug sanft auf Julianes Rücken.
"Ja, genau. Huste die Männer hinaus. Geht
es dir jetzt besser?" Durch das Husten schossen
einige Tränen in Julianes Augen. Sie wischte sie
schnell weg, hustete noch einmal nach und nickte dann
der Frau lächelnd zu. "Ja, danke." "Prima.
Tanzen wir ein wenig?" Diese Frage kam ganz überraschend.
Juliane sah die Frau verwundert an, als ob sie ihr einen
Mord gestanden hätte. "Tanzen? Wir?"
"Klar, sieh dich doch mal um!"
Juliane drehte sich um. In der Mitte des Lokals war
tatsächlich so etwas wie eine Tanzfläche.
Auf ihr tanzten, oder besser standen eng aneinander
geschmiegt, zwei Paare. Es waren jeweils zwei Frauen.
"Aber ...", meinte Juliane und sah sich weiter
im Lokal um und entdeckte ausschließlich Frauen.
Sie erblickte keinen einzigen Mann. "Richtig, du
bist hier in besten Händen. Das hast du doch gewußt,
oder?" Juliane erkannte erst jetzt, daß sie
in ihrem Frust in einer Lesbenbar gelandet war.
In einer Ecke saßen zwei Frauen, die heftig miteinander
schmusten. An anderen Tischen plauderten sie oder sahen
sich nur tief in die Augen. Juliane kam sich plötzlich
ganz seltsam vor. Und das lag nicht nur am genossenen
Whiskey, der aber jetzt ebenfalls mächtig zuschlug.
"Was ist nun? Tanzen wir?" hakte die Frau
nach, stand von ihrem Hocker auf und legte eine Hand
an Julianes Hüfte.
"Warum nicht", meinte Juliane und sprang von
ihrem Sitz. Sie kam sich dabei zwar lächerlich
vor, aber es würde auch nichts schaden. Es brachte
sie vielleicht auf etwas andere Gedanken. Sie ließ
sich von der Frau auf die Bühne führen. Doch
so eng wie die anderen wollte sie nun doch nicht mit
der Unbekannten tanzen. Sie hielt ein wenig Abstand,
während sie sich im Rhythmus hin- und herbewegte.
Die Frau drängte Juliane nicht. Doch sie ließ
sie aber auch keine Sekunde aus den Augen.
Juliane bemerkte das und ahnte, was die Frau von ihr
wollte. Sie fühlte sich geschmeichelt, wußte
aber nicht, was sie tun sollte. Die Frau war ihr nicht
unsympathisch. Aber sie war auch nicht lesbisch.